Auch Erhängen, Henken, Richten mit dem Strang oder mit trockener Hand oder ohne blutige Hand, poetisch: in der Luft oder den dürren Ast Reiten, den Ast Bauen (Grimm 257)



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Hängen
auch Erhängen, Henken, Richten mit dem Strang oder mit trockener Hand oder ohne blutige Hand, poetisch: in der Luft oder den dürren Ast Reiten, den Ast Bauen (Grimm 257); im Regelfall das Töten eines Lebewesens (Mensch oder Tier) durch Erdrosseln, indem die um den Hals gelegte Schlinge sich durch die Schwerkraft des Betroffenen zusammenzieht (daher Ähnlichkeit mit Kreuzigung [Hyldahl/ Salomonsen 346; Sturm 139]); seit dem 18. Jh. (aus England übernommen [„long drop“]) das Töten durch Öffnen einer Falltür unter dem Betroffenen, wodurch durch den Ruck des Knotens der Schlinge ein Halswirbel gebrochen und dadurch das Atemzentrum zerstört wird (zum besonderen „Methode“ des österreichischen Scharfrichters Josef Lang vgl. Seyrl); in seltenen Fällen H. an den Füßen. Häufig und bereits in der Frühzeit Form der Selbst- und Lynchjustiz, dann meist verbreitete Form der  Hinrichtung. Zum H. von Toten vgl. Fischer 1936.
Im Mythos Hávamál (12. Jh.) hängte sich Odin neun Tage lang an den windumsausten (Welten-) Baum, von einem Speer durchstochen, „gegeben dem Odin, ich selbst mir selbst“; schreiend nahm er Runen auf und lernte neun gewaltige Gesänge (Ejerfeldt 290 ff. [christlich beeinflusst]; Simek 138 [Parallele zu Merkur/ Hermes]), wodurch er auch „Herr des Galgens“ genannt wurde. Es wird heute angenommen, dass die german. Stämme diesem Gott Hängeopfer (von Menschen, Tieren und Gegenständen) darbrachten (Ejerfeldt 291; Simek 51 f. [Kriegsgefangene], 61-64, 82 f.). K. v.Amira dehnte 1876, dann 1922 (201 ff.) diesen Opfergedanken auf die Bestrafung des schweren Diebstahls aus und sah im H. des Diebes (allein oder mit Tieren [Hunden]) dessen Opferung an den Windgott und Totenführer Odin (Wodan), der dadurch in seinem Zorn über die Freveltat besänftigt worden sei. Die vielfältigen Besonderheiten (Nacktheit des Betroffenen und Augenbinde, Hängenlassen des Leichnams im Wind, Standort des Galgens auf windiger Höhe, Rabe [als Galgenvogel] und Hund als Odinstiere) interpretierte er als Opferritual. Diese Sakraltheorie übersah, dass die Germanen weder in Odin/ Wodan einen solchen sittlich hochstehenden Gott verehrten, der – wie der jüdisch-christliche Gott durch den  Diebstahl hätte beleidigt werden können, noch einen für die Vollstreckung erforderlichen Priesterstand kannten; zudem konnte v.Amira die konkrete Zuordnung gerade des Diebstahls zu Odin nicht erklären. Auch die bekannte Stelle bei Tacitus (Germania, cap.12) ordnete das H. der Verräter und Überläufer keiner Gottheit zu (zur Glaubwürdigkeit vgl. Timpe 482 f.) Deshalb lehnte B. Rehfeldt 1942 die Sakraltheorie überhaupt ab (ebenso Ström) und ersetzte diese durch eine magische Theorie. Das H. aber führte er (außerhalb der magischen Formen) im Anschluss an O. Höfler, L. Weiser-Aall und A. Erler auf eine Entwicklung aus dem Initiationsriten des rituellen Hängens im Zusammenhang mit dem sakralen Stehlrecht der Männerbünde (das durch den Dieb missbraucht worden sei) zurück (145 ff.; ausgeführt durch Stegbauer; vgl. auch Hagemann). F. Sturm (138 ff.) knüpfte 1962 daran an, betonte aber auch für das H. die zauberischen Momente. Der heimlich-nächtliche Dieb sei wegen der Wegnahme fremder Gegenstände als fremder Seelenkraft als ein mit dämonischer Kraft ausgestattetes, eigentlich der Unterwelt angehörendes Zauberwesen aufgefasst worden, der wegen dieser Gefährlichkeit zurück in das Totenreich zu schicken sei; wodurch das Mithängen der chthonischen Tiere Hunde (und Wölfe) ebenso erklärt wurde wie die übrigen Besonderheiten des H.s (wie auch der Bezug zu Odin, aber eben als Totenführer und Totendämon). All diese Theorien lehnte der Religionswissenschaftler H.-P. Hasenfratz 1982, 1988 ab und ordnete die öffentliche Todesstrafe überhaupt dem Phänomen des „sozialen Todes“ zu. Die heutige Diskussion widmet sich dieser Fragestellung nicht mehr (vgl. dazu Schild 2006), daher auch nicht der früher vertretenen Theorie, wonach das H. ursprünglich eine Sanktion gegen Unfreie gewesen sei (Jastrow; Radbruch, Schmidt § 43; dazu Gernhuber 139 ff.), wofür im Übrigen nicht nur der entehrende Charakter spricht, sondern auch die Tatsache, dass das H. die billigste Todesstrafe war und auch keinen ausgebildeten Scharfrichter benötigte (weshalb im Gegenteil manchmal alle an dem Strick ziehen mussten [Grimm 530]) (zu einem Beispiel eines Fehlrichtens vgl. Ammerer). Zum H. im nicht-germanischen Raum vgl. Sturm 139 f.; Hyldahl/ Salomonsen 349.
Zum H. als Strafe gehörte ursprünglich die Gewalt gegen den Leichnam (und die völlige Vernichtung) dazu, da dieser nicht abgenommen und begraben durfte, sondern hängen bleiben und verfaulen oder von Vögeln (Raben) gefressen werden musste. Darin kam nicht (primär) ein besonderer Abscheu über den Täter zum Ausdruck, sondern man ersparte sich (auch) die Kosten eines Begräbnisses des meist mittellosen und sozial schlecht gestellten Toten und verbannte ihn zugleich aus dem geweihten Friedhof der Anständigen (dazu Scheler); zudem konnte die Abschreckungswirkung erhöht werden. Erst ab dem 16. Jh. sahen manche Vorschriften darin nur eine Strafverschärfung (v.Amira 100 f.), ließen also den Hingerichteten im Normalfall am Galgenplatz (in ungeweihter Erde) verscharren. In einigen Fällen wurde der Leichnam auch verbrannt. Zu den abergläubischen Vorstellung über die Gehenkten vgl. Müller-Bergström; Fischer 1987.
Manche Quellen berichten, dass das Reißen des Strickes als Eingreifen Gottes interpretiert und der so mit dem Leben Davongekommene nur ausgewiesen wurde; in anderen Fällen wird durchaus ein zweites H. erzählt (v.Amira 103 f.; vgl. Marschall 1965). Ebenso wird bereits in frühen Quellen das Dazuhängen von Hunden (poetisch: Wölfen) oder Affen an den Hinterbeinen erwähnt (v.Amira 105). Eine Sonderform stellte das H. an den Füßen (capite traverso) dar. Nach v.Amira 98 soll es bereits im 9. Jh. im arabischen Spanien „erfunden“ worden und dann über Italien auch nach Westeuropa gekommen sein. Schreiner 302 ff. stellt die Fälle von rachehungriger Selbst- und Lynchjustiz gegen Verräter seit dem 11. Jh. zusammen: das umgekehrte H. (entsprechend der Kreuzigung des Petrus) diente offensichtlich einer zusätzlichen Entehrung, die dadurch gesteigert wurde, dass man lebende Hunde dazuhängte, die das Gesicht des Hängenden zerfleischten. Als rechtlich vorgesehene Sanktion wurde diese Form seit Ende des 13. Jhs. bis 16.Jh. gegen Juden wegen Diebstahls, aber auch wegen Blasphemie durchgeführt, wobei die Hunde entehrend für „Hundsjuden“ standen, die Qual des Sterbens vermehren, vielleicht aber auch den Druck auf den Betroffenen zur Konversion zum Christentum erhöhen sollten (welchen „Erfolg“ dann Legenden immer wieder berichteten) (dazu Glanz; Kisch; Schnitzler; Schreiner 304 ff.). Zu den vielfältigen Formen des H. allgemein vgl. v.Amira 88 ff. Lück; Schild 1985, 197 f. Zum Hängen von Tieren als „Missetäter“ vgl. Dinzelbacher 103 ff.; Laufs 114 ff..
H. war die bezeichnende Diebesstrafe (His) und damit wegen der Häufigkeit dieses Verbrechens bis 1600 die am meisten verhängte Todesstrafe. In den angelsächs. Ländern wurde H. seit dem 12. Jh. kontinuierlich zur einzigen in Friedenszeiten angewandten Hinrichtungsart. In Deutschland wurde H. zuerst 1771 in Schleswig-Holstein abgeschafft; unter französischem Einfluss folgten die übrigen deutschen Staaten bald nach und ersetzten das H. durch das Enthaupten, wie es dann auch im Reichsstrafgesetzbuch von 1871 vorgesehen war. Der Reichstagsbrand führte 1933 zur Wiedereinführung des H.s für bestimmte politische Delikte (Evans 749 f. [„Lex van der Lubbe“]). In den Kriegszeiten wurde das H. zu der am häufigsten (weil billigsten und schnellsten) angewendeten Sanktion gegen gerichtlich Verurteilte, aber auch gegen Insassen von Konzentrationslagern oder Kriegsgefangenen (Evans 858 ff.); selbst im Militärstrafrecht wurde H. als Ersatz des Erschießens vorgesehen (durch Erlass des Führers vom 4. 3. 1943). Nach 1945 wurde das H. von den Besatzungsmächten gegen verurteilte Kriegsverbrecher eingesetzt (Evans 886, 911 ff., 939), während die deutschen Behörden in West und Ost zunächst (und bis zur Abschaffung) zur Todesstrafe des Enthauptens (in der DDR dann des Genickschusses) zurückkehrten (Evans 923 ff., 958 ff., 1023).

RWB Hängen

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H. Fischer, Art. Gehenkte(r), Enz.d.Märchens V, 1987, 891-895

E. Moser-Rath, Art. Galgenhumor, Enz.d.Märchens V, 1987, 654-659

V. I. Sanarov, Art. Galgen, Enz.d.Märchens V, 1987, 647-654

N. Hyldahl/ B. Salomonsen, Art. Galgen, RAC XIV, 1989, 342-365

W. Schild, Art. Galgen, LexMA IV, 1989, 1085+1086

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Wolfgang Schild

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